katharinakraemer
  Romane -Leseproben
 


Bislang habe ich zwei Manuskripte in der Schublade.
Doch diese quillt über - ALLES MUSS RAUS !!!
 


 


"Was bleibt ist nur Erinnerung?"


Ein biografischer Roman der auf besondere Weise versucht, Transsexualität zu definieren - und das Leid der Betroffenen am Beispiel meiner damaligen Lebensgefährtin zu beschreiben. Sie hat mir mit ihren Erinnerungen sehr geholfen. Einmal sie zu verstehen und ein Bild zu zeichnen, das transsexuelle Menschen aus der Transvestiten-Ecke herausholt. 

 



DIE UNSICHTBARE HAND - Leseprobe
 
Rainer war ein sehr ruhiges Kind; eigentlich wurde er wenig beachtet. Nur manchmal schien er seiner Umgebung verschlossen, fast ernst. Dennoch machte sich niemand wirklich Gedanken um diesen Jungen. Und kein Mensch ahnte, was hinter seiner Stirn verborgen war. Weder seinen Eltern noch den Lehrern fiel auf, daß er tatsächlich etwas Besonderes war, andersartig und ungewöhnlich und dabei so normal wie andere Kinder in seinem Alter auch. Er war ein recht guter Schüler, brav und unauffällig. Und doch reiften in ihm schon früh besondere Anlagen und Fähigkeiten heran; Wünsche und Phantasien, Träume und Gefühle, die so ganz anders waren als die Gleichaltriger. Selbst er ahnte nichts von dem, was sich still und leise in seinem Leben tat. Erst viel später sollte dies für ihn offenbar werden und sein weiteres Leben entscheiden.
Mit seinen Eltern bewohnte Rainer, solange er zurückdenken konnte, die gleiche enge Dachwohnung, die eigentlich viel zu klein für alle drei war. Er hatte in den ersten Jahren nicht einmal ein eigenes Zimmer gehabt, wohin er sich hätte zurückziehen können. Und auch noch zu einer Zeit, wo andere Kinder seines Alters längst ein eigenes Zimmer hatten, fand sein Bett Platz im elterlichen Schlafzimmer. Es dauerte noch einige Jahre, bis sie es ihm abtraten und ihrerseits ins Wohnzimmer auswichen; es war einfach nicht genug Platz für alle drei. Was sein Vater verdiente, hätte nicht für eine andere, größere Wohnung gereicht, doch zur Wohlfahrt gehen, kam für ihn nicht in Frage. Es reichte gerade für das Notwendigste und kleine Geschenke an ihren einzigen Sohn. Er lernte deshalb schon früh, auf das eine oder andere verzichten, das seine Klassenkameraden sich eher leisten konnten. Einen lang gehegten Wunsch erfüllten ihm seine Eltern allerdings doch. Zu seinem vierzehnten Geburtstag bekam er seine erste Gitarre. Nichts Besonderes, eine Wandergitarre mit Stahlseiten, reizlos, aber Rainer war unendlich glücklich. Diese Gitarre wurde ihm in seiner Jugendzeit zur ständigen Weggefährtin und machte den Verzicht auf manch andere Dinge erträglicher. Seine Eltern hätten ihm gern auch Unterricht ermöglicht, das war noch weniger drin gewesen. So spielte Rainer, wie er wollte, guckte anderen über die Schulter und entwickelte allmählich eine eigene Art, seine Gitarre zu spielen. Täglich spielte er stundenlang auf ihr, und bald beherrschte er die Kunst, sie zum Klingen zu bringen, ohne je richtigen Unterricht gehabt zu haben. Wenig später durfte er dann in der Jugendband seiner Gemeinde mitspielen. Zu dieser Zeit gelangte er an die erste elektrische Gitarre. Auch diese hatten sich seine Eltern zusammengespart; sie ahnten vielleicht, welches Talent sich in ihrem Sohn verborgen hielt. Kurz darauf kaufte sich Rainer von seinem Lehrgeld die erste Konzertgitarre. Damit war das Fundament gelegt und die Gitarre entfaltete sich unter seinen Händen zu einem Sprachrohr. Wenn er auf ihr spielte, forderte er sie heraus und brachte ihr seine eigene Sprache bei, eine Sprache voll Temperament und Melancholie. Er entlockte ihr Töne, die sich zu schönen Bildern formten. Man konnte fast hören, welche Gedanken sich zu Tönen zusammenfanden. Sie spiegelten seine Suche nach Harmonie wieder, die ihm trotz liebevoller Eltern fehlte. Denn es waren meist sehr traurig anmutende Töne, angefüllt mit unbeschreiblicher Melancholie. Diese Interpretationen waren seine Ebene, auf der er sich seiner Mitwelt, meist doch nur seiner Gitarre selbst anvertraute. So saß er oft allein in seinem Zimmer und sprach mit ihr. Dann vergaß er die Welt um sich und seine Gedanken begaben sich auf abenteuerliche Reisen in die Welt der Phantasie. Er liebte diese Bilder, gaben sie ihm doch das Gefühl, eins mit sich zu sein – ein Gefühl, das er in Wirklichkeit nicht kannte.
 
So auch an dem gräßlichen, verregneten Novembertag, der für sein ganzes Leben entscheidend werden sollte. Nach dem Frühstück saß er in seinem Zimmer, um ein wenig allein zu sein. Er liebte diese Stunden, dann ließ er seine Gitarre sprechen und formulierte Gedanken, die als Musik in seine Ohren zurückkehrten. Doch an diesem Tag wanderten sie ziellos umher. Beharrlich kam ihm immer wieder eine und dieselbe Melodie aus den Fingern, vertraut und fremd zugleich. Er suchte nach Worten, die seine Musik beschreiben und den Nebel durchdringen konnten, der ihn umfaßte. Doch seine Gedanken blieben leer. Um sich zu entspannen und seine wirren Gedanken zu sammeln, lehnte er sich im Sessel zurück und ließ den Blick über die Welt vor seinem Fenster schweifen. Irgendwie strahlte diese Novemberstimmung eben jene Ruhe aus, die er gern gespürt hätte. Doch seine Gedanken schwirrten konfus umher. Er sah sein Leben gleich einem Film vor seinem geistigen Auge ablaufen. Bisher war es nicht immer erfreulich verlaufen. Ihn bedrückten die Bescheidenheit und der andauernde Verzicht auf die kleinen Annehmlichkeiten, die anderen seines Umfeldes oftmals Gewohnheit waren. Dazu kamen jene nagenden Zweifel, die in ihm rumorten und nicht zur Ruhe kommen ließen. Wer war er eigentlich? Wohin führte ihn sein Weg? Was war überhaupt sein Weg, sein Ziel? Was hieß es, glücklich zu sein? Was brauchte er, um sich wohl zu fühlen? Er fand keine Antworten auf diese Fragen. Er war wohl noch zu jung, um alle Zusammenhänge zu verstehen, und es gab auch niemanden, der eine Erklärung gehabt hätte. Und je länger er sich damit beschäftigte, desto mehr Fragen belasteten seine junge Seele. Er starrte hinaus in den gräulich weißen Nebel, der schwer auf den Dächern seiner Heimatstadt lag, und glaubte, in seinen Gedanken das Spiegelbild dieser Landschaft wiederzuerkennen. Um ihn herum war nichts als Stille – eine Geräuschlosigkeit, die sich im ganzen Raum wie eine bleierne Flutwelle ausbreitete; ein Schweigen, das in ihm zu wachsen schien. Da hörte er plötzlich jemanden sagen: „Guten Morgen, Rainer!“
Er schrak hoch. Was war das? Hatte er richtig gehört? Wer rief da seinen Namen? Woher kam diese Stimme? Woher kannte sie seinen Namen? Wer oder was konnte das nur sein? Was war das nur? Eine Illusion, ein Traum, der in seine Stille platzte? Rainer konnte sich keinen Reim darauf machen und hielt einen Moment inne. Einen Augenblick lang dachte er, seine Sinne hätten ihm vielleicht einen Streich gespielt. Aber da war wieder diese Stimme, eindringlicher und lauter als beim ersten Mal: „Hallo, Rainer!“
Irgendwie hatte er das Gefühl, die Stimme zu kennen. Es hätte seine eigene Stimme sein können, der Tonfall war fast gleich. Aber das war nicht seine Stimme! Er hatte ja gar nichts gesagt! Was sollte das sein? Etwa eines der Trugbilder, die einen in der Stille schon mal erfassen? Rainer wagte nicht, sich zu rühren, und ein mulmiges Gefühl breitete sich in der Magengegend aus. Seine Zunge schien staubig und trocken am Gaumen festzukleben. Alles ihn ihm war zum Zerreißen gespannt und er wußte nicht, was er jetzt tun sollte. Ganz langsam fühlte er wieder Leben in den Gliedern, die vor Anspannung steif geworden waren, und blickte sich in seinem Zimmer um. Nichts! Nichts deutete darauf hin, daß irgend etwas in diesem Raum anders war, als noch vor wenigen Minuten. Und doch war etwas ganz anders! Nur hatte er keine Erklärung dafür. Viel zu unglaublich und phantastisch war das, was sich hier tat. Da richtete diese Stimme abermals das Wort an ihn: „Rainer, es ist wichtig! Höre mich an!“
„Wer ist da? Woher weißt du meinen Namen? Was willst du von mir?“ stammelte er ängstlich und neugierig zugleich.
„Ich bin es“, antwortete die Stimme. „Dein Ich.“ Jetzt verstand er noch weniger, was hier vor sich ging. Mißtrauisch und ängstlich wiederholte er seine Frage.
„Ich bin dein Ich“, ertönte es erneut. „Und ich muß mit dir reden. Auch wenn es für dich schwer ist, mit jemandem zu reden, den du nicht zu kennen glaubst. Aber vielleicht lernen wir uns ja noch richtig kennen.“
„Was willst du von mir?“ Rainer begriff immer noch nicht. Träume ich, oder ist das tatsächlich wahr, was hier passiert? Da redete jemand, der sein Ich sein wollte und den er nicht sehen oder fassen konnte. Das war ihm zu hoch! Plötzlich schrak er zusammen … er spürte, wie sich eine Hand auf seine Schulter legte. Zögernd wandte er den Kopf – Nichts! Und doch spürte er ganz deutlich eine Hand, die auf seiner Schulter lag. Sein Verstand erfaßte nicht, was hier geschah, denn es passierte nichts wirklich, nichts, was er hätte begreifen können. Was sollte das alles? Die Stimme schien ebenso wahrhaftig wie die Hand, die seine Schulter berührte. Und doch war die Hand weder zu sehen noch zu greifen. Auch schien er das alles nicht aufhalten zu können, er war irgendwie sogar froh über diesen ebenso unbekannten wie unerwarteten Besuch, von dem er nicht mehr als die Stimme hören und die Hand spüren konnte.
„Es ist für uns wichtig, mich dir begreiflich zu machen. Es kann für uns beide eine neue Erfahrung werden, neue Wege und Erkenntnisse aufzeigen und das Leben aus einem neuen Licht erscheinen lassen“, hörte er die Stimme sagen. „Rainer, ich weiß um dich, deine Ängste und Unsicherheiten. Du glaubst, daß es wenig Grund gibt, mit dir und deinem Leben glücklich sein zu können. Und doch könntest du eigentlich zufrieden sein. Ja, du gehst deinen Weg, und doch ist es Zeit, daß dir klar wird, was du wirklich willst. Du kannst nicht ewig vor dir davonlaufen.“
„Wer bist du? Was soll das alles?“ Rainer wollte nicht glauben, daß die Stimme seinem Ich gehören sollte. Was waren das für Worte, was sollte das alles? Er verstand nichts von dem, was in der Stille dieses Raumes an sein Ohr drang. Irgendwie verstand er gar nicht, was das alles hier sollte. Etwas sagte ihm, daß er dieser Stimme vertrauen konnte und mußte. Andererseits hatte er unbändige Angst, verrückt zu werden. Es dauerte aber nicht lange, da gewöhnte er sich an die Existenz der Hand und an den unwirklichen Klang der Stimme, die auf ihn einredete. Er hätte sich ihr auch nicht zu entziehen gewußt. Irgendwie wollte er das auch gar nicht. Ihm wurde bewußt, daß diese Begegnung für ihn Einsichten bringen konnte, deren Inhalt er noch nicht begriff. So hörte er neugierig der unsichtbaren Stimme zu, die ihm aber auch Angst machte. Was wußte sie, was er nicht wissen konnte? 
„Habe Geduld, du wirst es noch erfahren. Ich weiß, daß dir nicht leichtfällt, mir zu glauben; dazu gehört schon eine ganze Menge. Es ist sicher seltsam, was im Augenblick passiert. Du willst mich nicht wahrhaben, nur weil ich für dich nicht sichtbar und fremd bin. Vertraue auf dich, auf dein Ich, das mit diesen Worten zu dir spricht.“ 
Rainer sah fragend in die Richtung, aus der die Worte zu ihm drangen, während die Hand ihren Platz auf seiner Schulter nicht verließ, und lehnte sich mißtrauisch in seinem Stuhl zurück. „Wie kann ich etwas glauben, das es eigentlich nicht geben kann? Ich höre dich reden, ohne dich erfassen zu können.“
„Aber wenn du doch davon überzeugt bist, daß es wahr ist? Warum nicht trotzdem? Nenne mir einen plausiblen Grund! Du glaubst nicht, daß du es kannst? Das ist doch Unsinn. Sicher, nicht immer werden deine Entscheidungen richtig sein, aber es sind deine, und nur das zählt. Und nicht alle deine Wege werden in eine Sackgasse führen. Mit Niederlagen wirst du schon zurechtkommen, wenn nicht sofort, dann doch später. Das ist das Wesentliche.“ Die Stimme war mit jedem Wort heftiger und lauter geworden und die mysteriöse Hand schien sich noch fester auf seine Schulter zu legen.
„Was ist richtig? Wohin führt mein Weg?“ stammelte Rainer, immer noch verwirrt und verunsichert.
„Du wirst es wissen, wenn es soweit ist“, kam die wenig befriedigende Antwort.
Du hast gut Reden! Wie soll ich herausbekommen, was richtig ist, wenn es nichts gibt, woran ich mich halten kann? Rainer befand sich plötzlich in hundert Sackgassen. Was wollte diese Stimme von ihm? Und dann die geheimnisvollen Antworten, die ihn immer neue Fragen stellen ließen.
„Und du meinst, das wird auch so bleiben?“ unterbrach dieses unbekannte Wesen seine Gedanken. „Das glaubst du doch wohl selbst nicht! Du mußt anfangen, dich selbst zu akzeptieren, ohne den Reiz am Abenteuer und den Spaß am Leben zu verlieren. Nicht immer wird es gelingen, gleichmäßig geradeaus, ohne Tücken, die an der nächsten Ecke sicher auf dich warten.“
 
Rainer begann trotz allem diese bizarre, lautlose Unterhaltung zu gefallen. Und er hoffte, von dieser gespenstischen, körperlosen Stimme Antworten auf die vielen Fragen zu erhalten, die ihn schon so lange quälten. Seine eigenen Vorstellungen und Träume waren vielfach hinter den Wünschen anderer zurückgeblieben. Wenn er es recht bedachte, waren seine Wünsche nie wirklich ernst genommen worden – am wenigsten von ihm selbst. Aber was ist mein Weg? Was ist mein Leben? Wohin führt mein Weg? Wer bin ich überhaupt?
„Vielleicht kommst du den Antworten bald näher“, wandte die unsichtbare Hand auf seiner Schulter ein. „Ein Weg ist die Niederschrift der Fragen und der Versuch, eine Lösung darauf zu finden. Lebe dein eigenes Leben und trage die Konsequenzen aus den Erfolgen wie den Enttäuschungen. Sie sind dein Werk, dein Weg und dein Streben. Denn es geht um dich, um deine eigene Anschauung, deine Vorstellungen. Sicher, die Meinung anderer ist wichtig, sie darf dich aber nicht beherrschen. Wenn sie dich führt und lenkt, ohne daß es dir möglich ist, eine eigene Denkweise zu entwickeln, dann bist du ausgeliefert und unfrei und kannst nie deinen eigenen, vielleicht auch unorthodoxen Weg gehen. Dann … dann bist du zwar ein angenehmer Zeitgenosse, mit dem es leicht ist, die eigenen Ziele zu verfolgen. Aber du wirst zum Steigbügelhalter, zum Sklaven und Fußabtreter. Und wo bleiben deine eigenen Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten, Ziele und Wünsche?“
„Ich kann doch nicht…!“ Rainer hatte es gern ruhig um sich, wo es kaum Unwägbarkeiten, Änderungen gab. Woher hatte diese Stimme bloß all diese Weisheiten? Er schüttelte unwillkürlich den Kopf.
„Du willst nur nicht! Du willst keinen Streit oder Auseinandersetzungen, keine Konflikte. Das ist absurd und utopisch. Du steckst immer in Konflikten, sei es in dir selbst oder in der Gesellschaft, von der du ein Teil bist. Nur in der Auseinandersetzung mit dir und deiner Umwelt erreichst auch du den Platz, der für dich freigehalten wird. Wenn du ihn nicht einnimmst, nimmt ihn sich der, dessen Steigbügel du zuvor gehalten hast. Er reitet auf deinem Weg davon und du hechelst hinterher, bis dir die Puste ausgeht. Und der andere: er lacht sich eins.“
„Ich kann doch nicht einfach…!“ Rainer zögerte weiterzusprechen, ahnte er doch, auf Widerstand zu stoßen.
„Du willst niemandem weh tun, aber die ganze Zeit praktizierst du seelischen Masochismus. Ich kann mir nicht vorstellen, daß dir so etwas Spaß macht. Du denkst, das Leben sei zu schwer und ernst und es gäbe kaum Grund zu Freude und Zufriedenheit, denn niemand würde deine Erfolge anerkennen. Du bist es, der deine Fortschritte nicht sehen will. Manchmal mag das stimmen, daß dir etwas mißlingt, aber nach Regenzeiten kommen auch wieder Sonnenstrahlen in deinem Leben an. Du mußt nur fest daran glauben.“ Die unsichtbare, unheimliche Stimme war immer heftiger geworden. Rainer wurde das Gefühl nicht los, sie schon ewig zu kennen. Er hätte zu gern mehr über sie gewußt! Vielleicht würde er ja mit der Zeit erfahren, wessen Hand da unsichtbar auf seiner Schulter lag.
„Das Leben ist ein einziger Kampf, sicher“, fuhr die Stimme fort. „Aber es ist nicht immer so, daß du der Verlierer sein mußt. Es gibt immer zwei Seiten, mal stehst du auf der einen, mal auf der anderen. Aber jeder Standpunkt kann dir nützen, du mußt deine Chancen nur erkennen. Wenn du zuviel auf andere hörst, statt deiner eigenen Stimme zu folgen, wirst du zu einer Marionette, die ihren vorbestimmten Platz nicht ohne Einwilligung anderer verlassen kann, auch wenn du es noch so sehr möchtest.“
Rainer wußte nur zu gut, daß es ihm unmöglich war, etwas zu tun, womit er auf Kritik stoßen konnte. Deshalb sagte er meist Ja zu den Dingen, die andere von ihm wollten. Und wenn er etwas getan hatte, was er selbst wollte, plagte ihn ein schlechtes Gewissen.
„Du hast ein schlechtes Gewissen, weil du Nein gesagt hast oder deinen eigenen Weg gegangen bist? Ist das dein Ernst?“ entrüstete sich die Stimme. „Du hast verweigert, was man von dir erwartet hat, weil du es nicht wolltest! Was soll daran schlimm sein? Es ist wichtig, daß du immer sagst, wenn dir etwas nicht gefällt, weil der andere schließlich nicht ahnen kann, wenn er etwas erwartet, das du nicht leisten kannst oder auch nicht willst. Du siehst, du lebst noch und gerade taucht der erste Sonnenstrahl zwischen den Wolken auf. Nein, davon geht die Welt nicht unter. O.k. Du hast ein schlechtes Gefühl dabei. Doch dabei hast du nur das getan, was du für richtig gehalten hast. Ich finde es sehr mutig von dir … Ach, du weißt nicht, ob es richtig war. Wie kann es falsch sein, wenn du es wolltest? Und außerdem steht gar nicht fest, daß die anderen immer richtig handeln. Die haben genauso wenig Kenntnis über das ultimativ Richtige.“
„Aber, was ist denn dann recht?“ fragte Rainer seinen unsichtbaren Gesprächspartner. „Wann weiß ich, daß ich recht habe, und daß mein Weg richtig ist?“
„Richtig ist, was weder dir noch anderen Menschen schadet“, antwortete die Stimme. „Jeder Weg kann in die richtige Richtung führen. Sicher, dein Schritt kann auch mal in die Irre gehen, aber davon geht die Welt nicht unter. Wenn du dich nur danach richtest, was die anderen sagen, findest du nie zu einem eigenen Stil. Und glücklich wirst du damit auch nicht. Du hast Angst, Fehler zu machen, das haben andere auch. Auch sie entscheiden nicht immer richtig. Jeder muß seine eigenen Fehler machen. Die Ansichten anderer sind sicher wichtig, können dich auch dazu bewegen, es ebenso zu machen. Das Beste ist immer, die Meinungen anderer kritisch zu betrachten und mit der eigenen Einstellung zu vergleichen. Und was dir zusagt, verbindest du mit deinen eigenen Gedanken und findest so zu einer befriedigenden Lösung von Konflikten und Unsicherheiten. Es ist dein Leben und du bist allein verantwortlich dafür! Und keiner kann dir vorschreiben, was du zu denken und zu fühlen hast. Deine Meinungen unterliegen nur deiner eigenen Zensur. Wenn du eine Entscheidung getroffen hast, solltest du sie mit Nachdruck vertreten. Es kann natürlich sein, daß du mal danebenliegst. Dann scheue nicht, deine Meinung zu revidieren und dies auch zu sagen. Seine Meinung zu ändern, ist genauso wenig falsch, wie seine Meinung zu behalten.“
Rainer verstand langsam, worauf sein Ich hinaus wollte. Doch bisher hatte er nicht den Mut gehabt sich zu widersetzen, wenn er mit etwas nicht einverstanden war.
„Du mußt nur fest daran glauben. Auch, wenn dir in der ersten Zeit noch manchmal etwas nicht gelingt. Du wirst mit der Zeit merken, daß es immer besser wird, je mehr wir uns aneinander gewöhnen und uns kennenlernen. Je mehr wir voneinander wissen, desto besser können wir miteinander leben. Und das ist mein erklärtes Ziel. Schließlich können wir Freunde sein, die miteinander leben, und nicht Feinde, die gegeneinander kämpfen. Es gibt vieles, was du nicht richtig interpretierst, weil du es nur von einer Seite betrachtest. Ich weiß, du hast Angst, in den Spiegel zu schauen, aber es hilft nicht, die Augen zu verschließen, damit grenzt du dich vor dir selbst aus. Und außerdem ist unser Gespräch der erste Schritt in die Richtung.“
„Welche Richtung meinst du? Was willst du überhaupt von mir?“ Rainer sah fragend in die Ecke, aus der die Stimme zu ihm drang. Irgendwie traute er sich nicht zu glauben, daß sie mit ihm sprach. Und doch war sie da! Und etwas Wahres mußte daran sein. Er hätte nichts zu entgegnen gewußt. So ließ er sich Schritt für Schritt auf dieses ungewöhnliche Streitgespräch ein, dessen Sinn ihm völlig unklar war. Und doch vertraute er dieser Stimme, die zu ihm sprach, und nahm sie als einen Teil seines Lebens wahr, von dem niemand etwas erfuhr. Denn diese Gespräche, die schließlich nur in seiner Phantasie stattfanden, drangen nicht aus seinem Zimmer hinaus. So manches Mal hatte er den Eindruck, verrückt zu sein, nur weil er eine Art Selbstgespräche führte. Doch andererseits war dieser Zustand für ihn völlig normal.
 
„Ich mache dir einen Vorschlag. Wenn du bereit bist, dich auf mich einzulassen und mir zu vertrauen, dann helfe ich dir, deinen Weg zu finden. Und all dies kann bedeuten, daß du zu dir selbst findest, deine Einstellung dir selbst gegenüber korrigierst. Du wirst es schon richtig machen, denn es kann dabei nichts schiefgehen. Du selbst kannst deine Gegenwart ändern und deine Zukunft gestalten. Wenn du dich mit deinen guten Anlagen vertraut machst, wird es dir weniger Mühe machen, deine Fehler zu akzeptieren und eventuell zu beseitigen.“
„Wer bin ich, was kann ich denn schon?“ Rainer spürte wie seine Stimme versagte und ein dicker Kloß sich auf seine Stimmbänder legte.
„Ach so, du kennst deine guten Seiten nicht. Dann öffne die Augen und versuche, dich mit den Augen eines neutralen Beobachters zu sehen. Mache dir deinen Lebenslauf klar, schreibe ihn, wenn nötig, auf. Füge alles bei, an das du dich erinnern kannst. Achte dabei darauf, daß es in erster Linie Erfolge sind, und konzentriere dich darauf. Laß das andere erst mal weg. Darum kümmerst du dich später. Dir fällt nichts ein? Dann laß dir Zeit dafür und lenk deine Gedanken nicht immer in die dunklen Ecken des Zimmers. Du erkennst mit der Zeit, daß du schon sehr viel Gutes und Schönes erlebt und geleistet hast; Dinge, die von Bedeutung waren, obwohl augenscheinlich Unwichtiges; Dinge, die dir in der Sorge entfielen, obwohl sie viel Schönes geboten haben; Dinge, die lobend erwähnt wurden, du hast nur nicht hingehört. Und auch jetzt versuchst du wieder, alles mit ungünstigen Attributen zu belegen. Und doch haben sie dich geleitet, geformt und geprägt. Und es ist da und wartet darauf, von dir entdeckt zu werden.“
Dunkel und still war es plötzlich um ihn geworden. So finster, daß Rainer die Gitarre in seinen Händen nur ertasten konnte. Zaghaft spielte er eine Seite an. Der Ton hallte suchend in die Stille der Nacht. Wie ein ferner Donnerschlag breitete er sich aus, ebenso wie die Erinnerung an die Begegnung mit dieser unsichtbaren Stimme. Er fühlte sich hin und her gerissen zwischen Angst und Unsicherheit. Dieser unerwartete Besuch hatte ihn total aufgewühlt. Nichts mehr war so, wie es bis dahin gewesen war. Und auch seine Gitarre schien sich nicht mehr erinnern zu wollen, wie sie einmal geklungen hatte. Sie spielte sich plötzlich anders, und die Töne, die sich unter seinen Händen zusammenfanden, drangen wie ein Flehen an sein Ohr. Konnte und durfte er dieser Stimme wirklich trauen? Welchen Sinn hatte das alles? Rainer fühlte sich befremdet und gleichzeitig angezogen. Wer war diese Stimme? Wer war er selbst? War er noch der, den er zu kennen glaubte, wenn seine Gitarre mit einem Mal eine andere zu sein? Noch einmal ließ er sie erklingen. Und wieder schien ihm der Ton ein anderer, obwohl er die gleichen Saiten angespielt hatte. Was war nur in ihn gefahren? Warum fühlte er sich so seltsam berührt von dieser Stimme, die er nicht fassen konnte? Was wollte sie von ihm? Wer war er wirklich, und was sollte ihm das Leben noch bringen? Was war überhaupt sein Leben?
Vieles kam ihm in den Sinn, das er zuvor vernommen hatte. Manches davon leuchtete ihm ein, doch anderes verwirrte ihn. Und dann diese Bilder, die er kaum zu deuten wußte. Er fühlte sich ohnmächtig dieser Stimme ausgeliefert, die sich so unvermittelt in seine Welt eingemischt hatte. Sie machte ihm Angst, weil sie mehr von ihm wußte, als er selbst. Aber vielleicht war das ja auch eine Chance für ihn? Nur langsam beruhigte er sich wieder und seine Gedanken wanderten nicht mehr ganz so ziellos umher. Immer noch hielt er die Gitarre fest, die ihm ihrerseits Halt gab. Ihre Melodie fügte sich wie ein Regenbogen in eine aufgerissene Wolkendecke. Mit unendlicher Sehnsucht bahnte sie sich ihren Weg. Ein Ton fand den nächsten, so wie eine Frage auf die nächste folgte, immer auf der Suche nach der passenden Antwort. Er hatte keinen Einfluß auf die Tonfolge, sie entglitt ihm, ohne sie selbst erdacht zu haben. Und doch trieb ihn allein der Gedanke vorwärts, diese Melodie zu vollenden. Nie zuvor hatte er derartiges gespielt. Es klang wie die Sehnsucht selbst, fordernd, fragend und suchend. Rainer ließ sich in diese Melodie fallen und folgte ihr ängstlich und gleichzeitig erwartungsvoll. Irgend etwas in ihm ließ ihn jedoch plötzlich innehalten. Da war doch was? Ein leiser Windhauch ließ die Bäume vor seinem Fenster beben. Weich und warm rieben sich die Blätter aneinander und vor seinem geistigen Auge tauchte wieder jenes Bild auf, das er so gern betrachtete. Er sah sich am Meer sitzen, in den Händen seine Gitarre, deren Töne über die Wellen hinweg ihren Weg suchten. Sein Blick schweifte über das Wasser, das ruhig in der Sonne wogte. Gleißende Lichter blitzten auf den schaumgekrönten Wellen, die anmutig im leisen Wind ihren Weg an den Strand fanden. Dieses Bild trug er in sich, ein Traum, den er so gerne Wirklichkeit werden lassen wollte. Doch Rainer vermochte nicht, dieses Bild festzuhalten. Es entglitt ihm immer wieder und ließ nicht zu, ihn diese Harmonie erleben zu lassen. Er hatte zwar die Illusion dieses friedlichen Bildes, doch in seiner Seele tobte die See. Wie ein Orkan überrannte der Sturm der Gezeiten den feinen Strand, der stetig in den Wassern versank. Schäumende Gischt prallte die nackten Felsen empor, die eben noch mit weichem Sand bedeckt gewesen waren. Der Zwiespalt seiner Gefühle ließ Rainer niedergeschlagen und traurig zurück. Immer war er auf der Suche nach harmonischen Bildern und Tönen, ohne sie wirklich sehen oder hören zu können. Und doch fand er sie nur selten vor, wirklich teilhaben konnte er nicht.
Da hörte er plötzlich wieder die Stimme seines Ichs, ein leises, fast unhörbares Wispern inmitten der tobenden Naturgewalten. Diesmal erschrak er nicht, als er die Hand wieder auf seinen Schultern spürte. „Rainer, das muß kein Traum, keine Illusion bleiben. Auch du kannst diese Harmonie wirklich erleben, wenn du dich selbst gefunden hast.“
„Wer bist du, daß du alles zu wissen scheinst?“ fragte Rainer in die finstere Nacht hinein.
„Es wird die Zeit kommen, daß du verstehst, was ich meine.“ Die Hand preßte sich fest auf seine Schulter. „Du mußt Geduld haben.“
Rainer ließ wieder seine Gitarre klingen, wie um dieser Stimme keine Gelegenheit zur Antwort zu geben. Es behagte ihm nicht, daß sie oft in Bildern und Metaphern zu ihm sprach, die er nur schwer verstand. Da schienen die Melodien nützlicher, die ihm seine Gitarre schenkte. Sie ließ ihn klare Bilder erkennen, die so schön waren, daß es keine Fragen mehr gab, die den Klangteppich zerstörten. Er fragte sich, was dieses unsichtbare Phänomen ihm bringen konnte. Warum war es wirklich in sein Leben getreten? Zweifel kamen auf, ob das alles wirklich war, und ob es nicht doch nur die Verwirrung seines einsamen Lebens war. Es konnte doch nicht sein, daß es in seinem Geist zwei Seiten gab, von denen eine so weise Worte fand und die andere so unscheinbar, fast dumm erschien! Die Seite, von der er bislang angenommen hatte, sie sei sein Ich, verblaßte in dem Dunstkreis, den dieses andere verbreitete.
Die Gitarre antwortete nicht, sosehr er sie auch forderte. Aber sie half ihm, diese Zeit zu überstehen. Sie lenkte ihn ab und wies ihm den Weg in eine Welt, die ihn ruhiger werden ließ. Und plötzlich befand er sich inmitten feinster weicher Töne, die seiner Phantasie freien Lauf ließen. Die Saiten vibrierten leise, und die Musik fügte sich in seinen Herzschlag ein. Er sah sich in einem Lichtkegel sitzen, in der Hand die Gitarre und um ihn herum nichts als die Harmonie seines Spiels. Die Gedanken lösten sich von seiner körperlichen Existenz. Neugierig folgte er der Melodie, frei und ohne Grenzen lauschte er den Tönen, die in der Finsternis entschwanden. Zu gern wäre er ihnen gefolgt, doch wollte er die Sicherheit des Lichts nicht aufgeben, denn plötzlich war sie wieder da, diese unbändige Angst, die Angst vor der Dunkelheit. Einer Dunkelheit, die sein Leben umfaßte und ihn nicht mehr klar sehen ließ. Und er hörte nicht mehr den lieblichen Klang seines Spiels, sondern sah nur noch in die Finsternis hinein, die alle Töne verschluckte.
Nicht das erstemal zweifelte er an sich selbst, an seinem Verstand. Die Begegnung mit der mysteriösen Stimme und der unsichtbaren Hand, die auf seinen Schultern lag, all das war schier unfaßbar. Hatte er eine andere Wahl, als sich in diese Hand zu geben? Sie war so fest und sicher und würde bestimmt nicht aufhören, ihn zu fordern. Er konnte sie auch nicht ignorieren, dazu hatte sie ihn schon zu neugierig gemacht.
Mitten in diese Überlegungen hinein begann seine Gitarre plötzlich zu spielen, wie er sie noch nie gehört hatte. Und aus dem Hintergrund erklang ein geheimnisvoller Gesang. „Ich weiß, daß dies alles schwer zu verstehen ist, Rainer, und daß dich verwirrt, was hier geschieht. Und doch kann ich nichts unversucht lassen, mich dir verständlich zu machen. Du hast Angst vor mir und doch kommst du nicht los. Laß uns aufbrechen in eine neue Zeit.“
Flehentlich stützte sich die Hand auf seine Schulter. Und plötzlich meinte Rainer, auf der anderen Schulter eine zweite zu spüren. Nun war er völlig durcheinander! Hatte er sich gerade erst mit der Anwesenheit der einen abgefunden, tauchte wie aus dem Nichts eine zweite rätselhafte Hand auf. Als erwachte er aus einem schlechten Traum, unfähig, seine Gedanken zu sortieren, aufgewühlt, verunsichert und doch auch neugierig, harrte der Dinge, die noch kommen konnten.
Irgendwie begann er, dieser Stimme zu vertrauen, die vorgab, sein Ich zu sein. Doch hatte er Angst, die Kontrolle über das Geschehen zu verlieren. Er dachte an die Worte, die er vernommen hatte. Noch nie zuvor hatte er sein Leben so genau betrachtet. Was hatte er schon Großartiges bisher erreicht, geschweige erlebt? Was wußte diese unsichtbare Stimme von ihm, das er nicht wußte? Welchen Weg würde sein Leben nehmen, wenn er sich auf sie einließ? Hatte er eine andere Wahl? Und was sollte diese andere Hand auf seinen Schultern? Er hatte sie nicht gerufen, und doch war sie gegenwärtig. Er traute sich auch nicht, diese mysteriöse Stimme danach zu fragen, glaubte er doch zu wissen, wie die Antwort lauten würde: Du wirst es wissen, wenn es soweit ist. Beide würden nicht einfach wieder aus seinem Leben verschwinden. Wozu hätten sie dann in sein Leben treten sollen?
„Ich denke, wir können uns nunmehr freundschaftlicher begegnen, nachdem wir uns ein wenig kennengelernt haben“, hörte er diese Stimme sagen. „Meine Hoffnung ist, daß wir vielleicht Freunde werden. Es ist mein Wunsch und ich glaube fest daran, daß du ihn mit mir teilst, auch wenn dir der Sinn einer solchen Freundschaft noch verborgen ist.“
Wie ein leiser Windhauch drangen diese Worte an sein Ohr. „Was habe ich denn davon?“
„Was du davon hast? … Ich denke alles: das Leben, die Freude daran und mich, dein Ichgefühl. Und nicht nur deine Persönlichkeit, dein Wesen, dein Wirken wird dadurch angetastet. Deine Umwelt bzw. das, was du davon wahrnimmst, erlangt eine andere Qualität. Und möglicherweise lernst du, leichter mit deinen Schwächen zu leben und deine Stärken zu nutzen. Dieser Weg ist nicht leicht, aber er ist sicher besser, als weiterhin dir und deinen ungenutzten Fähigkeiten und Anlagen nachzutrauern. Denn dadurch sind dir bisher eine Menge Freuden entgangen, auf die du ein Anrecht hast. Vertrau mir, vertraue dich mir an und versuche deinen Weg zu gehen, denn er wird dich sicher zu mir führen. Da ich weiß, wohin du wirklich willst, kann und will ich dir Stütze sein, kann dich vor Gefahren und Abgründen warnen, kann dir den Weg erklären, und wenn nötig Alternativen zeigen. Du willst also mit mir zusammenarbeiten? … Gut. Wir müssen über verschiedene Dinge reden, die für uns wichtig sind. Deshalb höre meine Worte und versuche, mich zu verstehen. Nur dann kann ich meine Aufgabe erfüllen. Und ich muß diesen Weg beenden, weil es für dich die einzige Möglichkeit ist, deinen Weg zu finden. Auch wenn du jetzt noch nicht weißt, wohin dich dieser Weg führen wird. Vertrau mir!“
 
Jetzt wußte Rainer gar nicht mehr, was er denken sollte. Aber er spürte eine gewisse Vertrautheit und vielleicht auch so etwas wie Vertrauen. Das ließ ihn ruhiger werden. Nervosität wich gespannter Erwartung. Irgendwie begann in ihm das Gefühl zu wachsen, diese unbekannte Stimme könnte ihm vielleicht wirklich die Fragen beantworten, die er an sein Leben stellte. Wie gern wollte er dieser Stimme glauben, daß alles seinen rechten Gang ging und er wirklich seinen Weg fand. Er nahm wieder seine Gitarre zur Hand und vertiefte sich in diese seltsame Melodie, die aus seinem Herzen kam. Er folgte den Tönen in eine Welt, die ihn magisch anzog, verwirrte und andererseits forderte. Mysteriöse Bilder tauchten vor seinem geistigen Auge auf, die er nicht zu deuten wußte. Er ahnte nur, daß sie ursächlich mit seiner Zerrissenheit zu tun hatten. Wenn er sich umsah, entdeckte er viele Dinge, die ihn traurig machten. So wie auch die Musik, die sein Zimmer erfüllte. Kaum etwas in seinem Leben stimmte mit den Dingen überein, die er sich in der Einsamkeit seiner Träume erdachte. Doch was wollte er wirklich? Wie sollte es denn sein, sein Leben, wenn nicht so, wie er es lebte? Auch die Gitarre vermochte nicht zu antworten. Sie blieb stumm, obwohl er sie spielte. Sie erreichte zwar sein Ohr, doch sein Herz blieb frei von den Empfindungen, die er eigentlich ausdrücken wollte. Lag es daran, daß er wirklich nur der Steigbügelhalter seines Pferdes war und ein anderer im Sattel saß? Unsicher, traurig und sehnsüchtig lauschte er den Klängen seines Spiels, das ihn nicht mehr erfreuen konnte, obwohl es sein Spiel, seine Gedanken und seine Gefühle waren.
Diese Zwiesprache mit sich selbst war Rainers Beginn, zu sich selbst und zu seiner wahren Identität zu finden. Zuviel irritierte ihn noch, war ihm fremd. Doch er folgte der Stimme, die sich so unvermutet in sein Leben eingemischt hatte. Er konnte ja gar nicht anders. Für ihn lag noch alles im Dunkeln, er hatte noch keinerlei Vorstellung von seinem Leben, außer der unbewußten Erkenntnis, daß diese phantastische Begegnung für sein weiteres Leben von unschätzbarer Bedeutung würde. Eines begriff er jetzt schon: sein Leben würde fortan Wege gehen, die ihm gänzlich neu und doch bekannt waren. Dieser Weg würde zu seinem wahren Ich führen. Und er war sicher, daß noch viele Gespräche mit diesem unbekannten Ich folgen würden, ehe ihm gänzlich bewußt sein konnte, was sie beide tatsächlich miteinander verband.

 

 
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